Passa ai contenuti principali

Unterwegs im Süden: Punk in Italien

2017. In Italien höre ich das hier: 



Seltsam. Seit wann gibt es das?

1988. Kaum in Italien angelangt, hatte ich einen Plattenladen betreten und nach italienischem Punk gefragt. Der junge Verkäufer hatte mich angestarrt. Nein, so was gebe es nicht. 

Das war zwar nicht richtig, denn immerhin hatten die sehr junge Jo Squillo ("Vergewaltige mich in der U-Bahn") und die Gruppe Kandeggina (etwa „Bleiche“ oder „Domestos“) so etwas gesungen. 


Doch was tut es, ich erwarb die neue Kassette von Zucchero (Oro, incenso e birra: „Gold, Weihrauch und Bier“, die Gaben der drei Könige eben). Nun: voglio vederti ballare / senza tabù/ il ballo di strappamutande: also den „Tanz der zerrissenen Unterhosen“ oder den „unterhosenzerreißenden Tanz“, je nachdem. 


Das war wiederum ein freier Ton, wie auf dem T-Shirt der „Toten Hosen“ im Jahr zuvor. Hat all dies Schreiben und Singen nicht etwas mit Freiheit zu tun? Damit, dass einer die Augen aufmacht und sich selbst fühlt und sagt, was er sieht und was er ist – oder sein könnte.

Eine literarische Tradition führt von Lukian über Catullus bis zum großen Pietro Aretino, weiter über Carlo Dossis Desinenza in a bis ins letzte Jahrhundert, sagen wir, bis Fassbinder? In der Volksmusik ist derselbe Impuls wie das allerkindlichste Glück am Kacke Sagen (im ICE stand einmal ein Kind vor mir und wiederholte immer wieder „Frankfurz“ und lachte und lachte) bis zu Nanni Svampas Mailänder Liedern wirksam. O che gioia che piacere che cuccagna, cagar in campagna: „Oh was ne Freude, welch Genuss, watten Spass, auf dem Lande zu scheißen“; oder: Porta romana bella/ ci stanno le ragazze che te la danno: „Schöne Porta Romana/ da stehen Mädel, die machen die Beine breit“. Das heißt doch auch: wir sehen nicht weg. Geil, erschreckt, mitleidig, verliebt sehen wir hin. 

In diese Richtung scheint es ja Gott sei Dank zu gehen, wenn da seit fast zehn Jahren mit erstaunlicher Beherrschung der Instrumente und der Genres die italienische Punkband The Zen Circus aus Pisa nette Dinge singt wie: „Geht alle in den Arsch“:



beachte den lalala-Refrain) oder „Meine Mutter ist komisch, sie nennt mich immer Hurensohn“.



(Figlio di puttana). Da singt es entnervt gegen die Heimatstadt (Pisa merda) und gegen Jesus gleichermaßen, welcher mit seiner Güte die Welt zur Hölle gemacht habe (e il bene ha fatto della terra questo inferno).




Nietzsche haben die wohl gelesen. Schon der Titel zeigt das: L'amorale, ein nettes Spiel ist zwischen la morale und l'amorale.



Contro la natura singen sie, quella che davvero fa paura: die, die wirklich Angst macht, die, wo die Kornmuhme wohnt. 



So etwas fällt nur jemandem ein, der selbst auf dem Land aufgewachsen ist oder doch wenigstens in einem Städtchen, welches ci accosta al letame/ / tu fuggi quanto vuoi ma l’odore ti rimane: „sie setzt uns neben den Mist / so weit du auch läufst, den Gestank wirst du nicht los“. Hinsehen, riechen, hören, fühlen, vielleicht denken: das singen. Dabei nicht ernst werden. „Was willst du denn mal werden?“ fragt die Lehrerin den Erstklässler: „Banker, Anwalt oder Journalist?"



"Nein, nein, ich werd´Terrorist! Der ändert auch Gesetze und kommt in die Zeitung.“ (Terrorista) Meisterstück, etwas andienerlich poppig,  in dieser Hinsicht auch das Video zu Milanesi al mare.







Commenti

Post popolari in questo blog

Sing Elternlieder. Laszlo de Simone: Per te

Etwas Ähnliches gibt es von Jovanotti ( "Per te" ), wortreich wie immer. In genialer Knappheit hingegen singt Laszlo de Simone von dieser Liebe.  Du bist für mich wie der Regen Wie ein reißender Strom Wie der Mond an einem Sommerabend Sonnige Vormittage Karusselfahren am Abend Du bist für mich wie der weiße Schnee auf dem Gipfel Wie die müden Wellen am Abend Wie das Ende des Frühlings Nun ist das Video zum Lied etwas, was alle berührt, die ein Kind  großgezogen haben. Herzschmerz oder auch Tränchen, wenn diese Zeit schon  wieder vorbei ist: Tagesneige, das Badewasser läuft ein. Schaum. Die Gummiente orientierungslos. Also: Was würd ich für dich tun? Ich würd alles tun, das ist, was ich tun würde Für dich würd ich es tun Für dich werde ich es tun Du weißt es nicht, aber ich weiß es .. das wird einem Kind gesungen. Per te lo farei Per te lo farò Non lo sai, ma io lo so Was würd ich für dich tun? Würd alles tun, ich Du weißt nicht, was ich für dich tun würde...

Another race of vibrations: Franco Battiato

Sprich mir von der Ferne, in die es uns einmal zog. Versprich mir, es gebe mehr, mehr davon. Franco Battiato, ironischer Träumer, wenn es das gibt (so wie ironischen Sex?), musikalischer  Großclown, und das wa ren Hits in einer Zeit in Italien, singt und tritt auf. Staune! Sprich zu mir von der Existenz weit entfernter Welten Verschütterten Kulturen, von abdriftenden Kontinenten Sprich zu mir von der Liebe, die man unter Menschen macht Von abnormalen Reisenden auf mystischen Geländen,  mehr noch Folgten wir doch instinktiv Kometenschweifen Als Vorboten eines anderen Sonnensystems Parlami dell'amore che si fa in mezzo agli uomini Di viaggiatori anomali in territori mistici, di più No time, no space Another race of vibrations The sea of the simulation Keep your feelings in memory I love you, especially tonight Fluglotsen bereit zum Abflug Riesenteleskope, um den Sternen zu folgen Fliegen, fliegen durch den Raum, im Raum, mehr noch Folgten wir doch instinktiv Kometenschweifen Al...

Giorgio Poi: Im Supermarkt. Dem norditalienischen

Wer das Lied „Im Supermarkt“ von Giorgio Poi hört, sollte nicht an einen deutschen Depressionsmarkt wie Penny  oder die Gemüsesuppendosengänge bei Kaufland oder Edeka denken. Der eine oder andere  Rewe käme vielleicht in Frage, da wären aber sicher die Gänge noch zu eng und die Regale zu  niedrig. Das Warenangebot muss in Italien weit über Kundenköpfe hinausragen. Gleich hinter dem  Eingang braucht es knallbunt, weit ausladend Obst und Gemüse, dann kommen Fisch, Fleisch und  Aufschnitt in Massen: Es riecht nach Kochschinken. Italiener geben bekanntlich ein paar Prozent  ihres Gehalts mehr fürs Essen aus als die Deutschen, welche knickrig. Lied von der Platte So ein italienischer Supermarkt ist daher schon mal das passende Ambiente, wenn einer va a  cucca, cioè auf Jagd geht nach verfügbaren Liebespartnern. In Milano galten lange die großen  Supermärkte von Esselunga als Geheimtipp, also nicht die ganz großen wie in der Vorstadt Sesto ...